Demokratie
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Eine Agora braucht Menschen, die den Mund aufmachen können und sich ihres Rechtes bedienen wollen.

Die Gemeinden als Wiege der Demokratie

Der Mensch benötigt nicht nur Strukturen, um sich an den Entscheidungen im Gemeinwesen zu beteiligen, sondern auch Rechte, um sich zu artikulieren. Bewusstseinsbildung, Befähigung und Beteiligung sind jene Kette, die eine moderne Demokratie in ihren Prozessen zu berücksichtigen hat.

Und es sind die Gemeinden, in welchen diese Grundsätze auch gelebt werden. Learning by Doing, die Gemeinden sind und waren die Schulen der Demokratie. Die Gründung der modernen Landgemeinden mit der bürgerlichen Revolution 1848, Österreichs demokratische Entwicklung und die Republiksgründung 1918, aber auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 oder das Inkrafttreten der Charta der kommunalen Selbstverwaltung 1988 bieten inhaltsreiche Anknüpfungspunkte, sich grundsätzlich mit der Bedeutung der Institution Gemeinde für eine moderne und freie Gesellschaft zu befassen.

Es gibt kaum eine Abhandlung über die Bedeutung der Gemeinden in Staat und Gesellschaft, ohne dass auf die antiken Vorbilder unseres Gemeinwesens eingegangen wird.

Antike Vorläufer moderner Beteiligungsmodelle

Da werden dann die antiken griechischen Stadtstaaten genannt und wird auf die damalige „Polis“ als die Wiege der westlichen Kultur verwiesen. Nicht von ungefähr hat die Gestaltung von Lebensverhältnissen, die moderne Politik auch ihre Wortwurzel in der „Polis“. Aber auch die Demokratie bezieht ihren Namen aus dem Griechischen, nämlich aus dem Demos, und das heißt schlicht die Gemeinde. Diese Hinweise werden zwar oft strapaziert, aber vielfach nur schüchtern und leise, sodass dies hier näher ausgeführt werden soll.

Auf der Agora wurde mitbestimmt

Tatsache ist, dass es im antiken Griechenland freilich ein Modell einer elitären Demokratie gegeben hat, aus dem sich sukzessive so etwas wie Bürgerrechte entwickelt haben, die durchaus als Vorläufer unserer modernen Beteiligungsmodelle, aber auch Werthaltung gegenüber anderen Menschen gelten können, wie etwa die allgemeinen Prinzipien der Menschenwürde.

Die Agora, der zentrale Versammlungsplatz der Stadt kann als jene Institution bezeichnet werden, die gleichbedeutend ist mit der Beteiligung der Menschen an den gemeinschaftlichen Entscheidungen, sie war ein Ort, an dem mitbestimmt wurde, wo sich soziale Verantwortung manifestierte. In den Epen des Homer wird die Stadt dieser Zeit (d. i. ca. 700 bis 800 v. Chr.) als Wohn-, Kult- und Rechtsgemeinschaft verstanden. Eben als Ort, in dem Sinnfindung, Schutz und Lebensperspektive gefunden werden. Die demokratische Kultur wurde schon damals als Errungenschaft hervorgehoben, weil sie das Gemeinwesen durch gemeinsam gelenkte Kraftanstrengung und Kooperation zu einer Blüte führte. In heutigem Vokabular war es wohl ein starker Wettbewerbsvorteil, der auch den Perserkönigen nicht entging.

Homer: "Entscheidungen außerhalb der Agora sind respektlos"

Das Prinzip der Agora setzte die Beteiligung an den Versammlungen voraus. Und die gab es offenbar schon vor 3000 Jahren, sonst hätte Homer sie damals nicht als Kulturleistung und Errungenschaft gepriesen.

In der Odyssee, eines der ihm zugeschriebenen Epen, bezeichnet er Entscheidungen außerhalb der ratsgebenden Versammlung (Agora boulephoros) als respektlos, ja gesetzlos (athemistos). Und zwar deshalb, weil damit die Stimmberechtigten (Androi boulephoroi) übergangen werden.

In wenigen Versen beschreibt der Dichter den Zustand, wenn es jene menschliche Kultur der Agora, die sich einer demokratischen Willensbildung bedient, nicht geben sollte. Er bedient sich dazu eines Bildes und bezeichnet die Rechtlosigkeit und Willkür als das Land der Kyklopen. In der dortigen gesetzlosen Herrschaft, so Homer, gibt es keine Agora, die Mächtigen wohnen in einem Wolkenkuckucksheim, sie führen ihren Kindern und Familien gegenüber ein Willkürregiment und kümmern sich auch nicht um die anderen (Odyssee, 9. Gesang, Verse 112-115).

Agora braucht Menschen, die den Mund aufmachen

Für die Ratsversammlungen war es natürlich essenziell, dass den Menschen die dafür erforderlichen Bürgerrechte zugestanden wurden. Eine Agora braucht Menschen, die den Mund aufmachen können und sich ihres Rechtes bedienen wollen, sich Schulter an Schulter, das heißt gleichberechtigt an den politischen Prozessen und an der Gestaltung der unmittelbaren Umgebung zu beteiligen.

Es ist daher keine Übertreibung, dass man die demokratische Kultur und die Menschenrechte als Errungenschaft der Gemeinden bezeichnet. Weitgehende und finanziell abgesicherte Autonomie der Gemeinden durch gelebte Subsidiarität und die Gebote der Rücksichtnahme und Verhältnismäßigkeit kommt dem Staat als Ganzem zugute, denn in den Gemeinden wird der Geist des Zusammenhalts und der Wille zur gemeinschaftlichen Fortentwicklung unserer Heimat gepflegt. Bewahren wir uns davor, dass man unsere Gemeinden aus einem Wolkenkuckucksheim gängeln will.  
 

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