Walter Leiss
Walter Leiss: "Entwicklung muss auch in den ländlichen Räumen in Zukunft möglich bleiben, und dafür wird auch Boden benötigt."

Dem Land bleiben die Alten - handeln wir jetzt

Der Zuzug in die Städte ist ein weltweites Phänomen. Auch Österreich ist davon nicht verschont. Die Landeshauptstädte zählen zu den stärksten Anziehungspunkten. Allein auf Wien entfällt die Hälfte aller Umzüge.

Aktuell leben rund 60 Prozent der Bevölkerung in den urbanen Siedlungsräumen; dieser Trend soll sich bis 2050 auf  70 Prozent erhöhen. Das ist zwar weniger als im europäischen Durchschnitt, aber dennoch nicht beruhigend. Die Gründe dafür sind gut bekannt. Arbeitsplätze verloren, Landwirtschaft völlig neu strukturiert, öffentliche Einrichtungen in die Zentren verlagert. Der letzte Nahversorger hat geschlossen, Gasthöfe auch. Die ärztliche Versorgung lässt zu wünschen übrig. Speziell die Jugend wandert ab. Ausbildungsstellen liegen in den Zentren und qualifizierten Arbeitsplätze auch. Da bleibt man dann gleich in der Stadt hängen. Und auf dem Land bleiben die Alten.

Geisterdörfer werden zum Kauf angeboten

Wie dramatisch die Situation schon ist, zeigt Spanien. Dort gibt es oft nur noch Geisterdörfer, die als ganzes zum Kauf angeboten werden. Zehntausende Menschen haben in Madrid gegen die dramatische Landflucht demonstriert. Sie fordern von ihrer Regierung Unterstützung, um Bewohner von ländlichen Gebieten zum Bleiben zu animieren.

Ähnlich die Situation in Frankreich oder in Deutschland. Auch die Wirtschaftsforscher beschäftigen sich mit der Situation und kommen zu für die Politik nicht akzeptablen Ergebnissen. Denn die Aufgabe und Schließung ländlicher Räume ist für die Forscher eine ernstgemeinte Option.

Geld für Abwanderung anbieten?

Prof. Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden meint, dass die Politik vielleicht auch harte Entscheidungen fällen müsse: „Es ist wirklich die Frage, ob man eine Siedlung, die jetzt noch aus zehn Häusern besteht, von denen in 20 Jahren vielleicht noch vier bewohnt sind, noch Abwasseranschluss, Wasserversorgung, schnelles Internet und sonst was alles hinlegt. Oder ob man sagt: Ihr kriegt Geld dafür, dass ihr in die nächste größere Siedlung oder Stadt umzieht.“
Dass sich da die Bürger auf dem Land verlassen vorkommen und ein entsprechendes Wahlverhalten zeigen, liegt da auf der Hand.

In den Städten ist es auch nicht rosig

Und was erwartet Zuzügler in den Städten?

„Knapper Wohnraum, teure Mieten, Verkehrsstaus und Wartelisten für Kinderbetreuungsplätze“ schreibt der „Spiegel“ Nr. 15/2019.  In unseren größeren Städten ist die Situation nicht anders. Auch die Städte selbst stehen vor großen Herausforderungen. Leistbarer Wohnraum soll geschaffen werden, genauso wie Kinderbetreuungsplätze und neue Schulen. Die gesamte Infrastruktur muss angepasst werden. Verdichtetes Bauen ist gefragt und daneben Grünraum als Erholungsgebiet für die vielen neuen Bewohner.

Und wie weit entfernt davon ist Österreich? Seit 2003 haben 818 Gemeinden in Österreich, und damit mehr als jede dritte, Einwohner verloren. Zuwachs findet in den Ballungsräumen statt. Zwar ergeben Befragungen der Wirtschaftskammer bei den Bürgern einen gegenteiligen Trend, aber die Frage bleibt, was Wunsch und was Realität ist.

Was es braucht, um Landflucht zu bremsen

„Einen zentralen Faktor stellt die Sicherheit dar, dicht gefolgt von Nahversorgung, Leistbarkeit des Wohnraums und Verkehrsanbindung“, erklärt Prof. Werner Beutelmeyer, Instituts-Vorstand und Geschäftsführer des Market Instituts Linz.

„Eigentum in Form eines Hauses auf dem Land erscheint als Idealzustand; zwei Drittel der Bevölkerung schätzen diesen auch als leistbar ein“, interpretiert Beutelmeyer die Umfrage, „Nur ein knappes Viertel der Menschen auf dem Land kann dem Gedanken an einen Umzug in die Stadt etwas abgewinnen. Umgekehrt zieht es die Großstädter aufs Land, in Wien die Hälfte und sogar zwei Drittel der anderen Stadtbevölkerungen.“ Jobangebot und Ausbildungsmöglichkeiten erscheinen als Gründe für ein Leben in der Stadt. 

Initiativen gegen die Landflucht

Auch die österreichische Politik will die Landflucht bremsen. Ein Masterplan für den ländlichen Raum wurde von der Bundesregierung erarbeitet und verabschiedet.

Auch die Landespolitik versucht dem Trend entgegenzusteuern. Bis 2022 will Niederösterreich im Zuge einer Dezentralisierungsoffensive für den ländlichen Raum 500 Arbeitsplätze aus St. Pölten in die Regionen verlagern.

Auch in Tirol soll die Dezentralisierung der Verwaltung die Landflucht bremsen. Ein großer Hoffnungsschimmer dabei ist die Digitalisierung. Sie macht die Arbeit bis zu einem gewissen Grad ortsunabhängig. „Bezeichnend für die Situation ist aber, dass bisher die Digitalisierung, die entfernungsunabhängig machen sollte, vor allem den Zentren geholfen hat.“

Die Vorhaben Tirols und Niederösterreichs sind zu begrüßen. Hochwertige Arbeitsplätze sind in den Regionen zu schaffen. Dafür braucht es aber die erforderliche Infrastruktur. Straße und Schiene und vielmehr die Autobahn der Zukunft – flächendeckender Breitbandausbau auch in den ländlichen Räumen bis zu jedem Haus. Denn ohne Breitbandanschluss wird auch die Dezentralisierung nicht funktionieren.

Infrastruktur benötigt Fläche

Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass diese Strategie nicht von allen mitgetragen wird. Denn natürlich benötigt diese Infrastruktur Fläche. Doch gegen den Flächenverbrauch – speziell auf dem Land – wird mobilisiert.

„Der gegenwärtige Bodenverbrauch gefährdet die Lebensgrundlagen der nächsten Generationen. Wir fordern daher eine Korrektur der Bodenpolitik und eine Reform der Raumordnung... Die Steuerung der Siedlungsentwicklung mit dem Ziel der Eindämmung von Zersiedelung und Suburbanisierung zählt zu ihren wichtigsten Aufgaben“, ist im Bericht der ÖROK 2012 – 2014 zu lesen.

Der ländliche Raum sollte von Besiedelung eigentlich freigehalten werden und jeder sollte im städtischen Bereich leben, wäre die Schlussfolgerung. Als ob die Gemeinden die Lebensgrundlagen ihrer Bürger mutwillig zerstören würden. 

Hochhäuser sind kein Mittel gegen Flächenverbrauch

Aus einem Bericht der Europäischen Kommission aus dem Jahre 2013 ist zu entnehmen, dass speziell die städtischen Gebiete in den 16 Jahren um neun Prozent wuchsen. In einigen Ländern war der Flächenverbrauch besonders groß: In Irland und Zypern stieg er um 14 Prozent, in Spanien um 15 Prozent, wenn auch nicht die gesamte Bodenfläche versiegelt wurde. Ist also Bodenverbrauch auch ein städtisches Problem? 

Mehr in die Höhe bauen und damit sind die Probleme gelöst, so die vereinfachende Antwort.

Der Stadtforscher Robert Temel sieht das nur bedingt so: „Die hohen Bodenpreise sind sicher für Immobilienentwickler im Einzelfall ein Argument für hohe Gebäude, aus stadtplanerischer Sicht aber nicht die richtige Antwort. Auch eine Verdichtung des Wohnraums wird damit kaum erreicht“, meint er und verweist darauf, dass bei den Auflagen die Lichtverhältnisse der umliegenden Wohnhäuser eine große Rolle spielen.

Kurz gesagt: Was an Wohndichte durch ein Hochhaus erreicht wird, muss in der unmittelbaren Umgebung durch Freiflächen wettgemacht werden. Und ob dadurch leistbarer Wohnraum bereitgestellt werden kann und auch den Wünschen der Bürger nachgekommen wird, darf auch bezweifelt werden.

Wenn man bedenkt, dass durch die Landflucht auch ein volkswirtschaftlicher Gesamtschaden erwächst (vorhandene Investitionen gehen verloren, neue Investitionen müssen getätigt werden), die Wünsche der Bürger eigentlich in  Richtung Wohnen auf dem Land gehen, die Städte vor großen Herausforderungen stehen, den Zuzug zu bewältigen, wäre es eigentlich ein Gebot der Stunde, alles zu unternehmen, um die ländlichen Räume nicht nur am Leben zu erhalten, sondern als Lebensraum zu attraktivieren.

Natürlich soll dies nicht allein auf Kosten des Bodenverbrauchs gehen. Maßnahmen gegen Leerstand, Nutzung von Industriebrachen sind hier Schlagworte. Aber Entwicklung muss auch in den ländlichen Räumen in Zukunft möglich bleiben, und dafür wird auch Boden benötigt.

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