Andreas Haitzer: "Das Schöne ist, dass du als Bürgermeister in der Gemeinde direkt etwas bewegen kannst."


19. Juni 2017 | Von: Andreas Hussak

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Vom Fahrdienstleiter zum Gemeindeleiter

Andreas Haitzer hat lange Jahre im Notfallinterventionsteam der ÖBB gearbeitet, läuft Marathon, und leitet heute die Geschicke von Schwarzach im Pongau.

Herr Bürgermeister, wie sind sie in die Politik gekommen?

Über die ÖBB. Ich war fast 20 Jahre bei der Bahn, war Fahrdienstleister, zum Schluss Mitarbeiter in der Betriebsführungszentrale in Salzburg. Schon damals habe ich mich hinsichtlich der Personalagenden engagiert. Ich war klassischerweise Betriebsrat, allerdings in einer untergeordneten Position. Da gibt es ja auch regelmäßige Wahlen, durch die sich die Leute schön langsam hinaufarbeiten.

Nach langen Jahren auswärts habe ich dann in Schwarzach, meiner Heimatgemeine, ein Haus gebaut. Schwarzach ist ein bisschen eine Eisenbahnergemeinde, der Ursprung der Tauernbahn, die durch das Gasteinertal, über den Tauern Richtung Spittal/Millstätter See führt. Der damalige Bürgermeister ist auf mich aufmerksam geworden, und hat mich, als ich Haus gebaut habe, gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte in der Gemeinde ein wenig mitzuarbeiten. Das war 1999. Ich hab ihm gesagt, dass ich das gerne machen will, aber wir damit warten mögen, bis wir mit dem Haus fertig und eingezogen sind. Am 17. August 2000 sind wir ins Haus eingezogen und am 18. August ist er wieder vor der Tür gestanden.

Ich bin damals auch zum SPÖ-Ortsausschuss gekommen, alles weitere hat sich dann peu a peu ergeben. Da ich immer einer war, der den Mund nicht halten konnte, bin ich 2004 relativ rasch in die Gemeindevorstehung eingezogen. 2006 bin ich Vizebürgermeister geworden, und nachdem mein Vorgänger Hermann Steinlechner schon im fortgeschrittenen Alter war, hat er 2008 ein Jahr vor der Wahl das Amt an mich übergeben.

Ich war also kurz vor der Wahl im Jahr 2009 fast ein Jahr Bürgermeister und hab mich 2009 der ersten Wahl gestellt. Für mich war das keine einfache Entscheidung, weil ich einen sehr guten Job bei der ÖBB gehabt habe, und letztendlich vor der Entscheidung stand entweder das eine oder das andere. Die ersten zwei Jahre war ich als Bürgermeister teilkarenziert, habe zu 50 Prozent noch bei der ÖBB gearbeitet und die Gemeinde nebenbei geführt. Das ist allerdings schon sehr, sehr aufwändig. Ab dem Jahr 2011 bin ich zu 100 Prozent dem Bürgermeisteramt zur Verfügung gestanden und mache das seither hauptberuflich.

2009 sind sie mit 86,6 Prozent schon im ersten Wahlgang gewählt worden. Das war das beste Ergebnis eines SPÖ-Bürgermeisters in Salzburg, richtig?

Die Prozente stimmen, es war das beste Ergebnis mit einem Gegenkandidaten. Es gab auch andere mit über 90 Prozent allerdings hatten die keinen Gegenkandidaten.

Was war das Geheimnis ihres Erfolges?

Das Geheimnis meines Erfolges liegt schon bei meinem Vorgänger. Das muss man ehrlicherweise sagen. Der Hermann Steinlechner hat 2004 um die 93 Prozent gehabt. In einer sehr sozialdemokratisch dominierten Gemeinde hat man natürlich einen gewissen Vertrauensvorschuss. Und schließlich hatte ich ein Jahr die Möglichkeit, als Bürgermeister arbeiten zu können. Dadurch haben mich die Leute kennengelernt. Das ist also nicht auf mich alleine zu beziehen, sondern war etwas, das letztendlich auf der gemeinsamen Schiene entstanden ist, durch sehr viele Spieler, die gemeinsam an einem Strang gezogen haben. Das war übrigens damals das Motto für die Wahl: Wir ziehen gemeinsam an einem Strang.

Was hat sie in Ihrem Leben geprägt?

Geprägt hat mich sicher meine Arbeit bei der ÖBB. Es gibt dort ein sogenanntes Notfallinterventionsteam. Das ist in etwa gleichzusetzen mit dem Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes. Da gibt es ein Motto: Kollegen helfen Kollegen. Bei außergewöhnlichen Ereignissen, oder Unfällen im klassischen Sinne, bei denen Lokführer, Fahrdienstleiter, oder andere Mitarbeiter beteiligt sind, und es denen psychisch nicht gut geht, gibt es eine Art Laienhelfersystem. Der Vorteil, wenn man mit Kollegen spricht, ist natürlich der, dass man sehr, sehr viele Interna kennt, im Sinne von Fachausdrücken, von Abläufen etc. und die Kollegen nicht aufpassen müssen, wie sie etwas erklären, denn als Kollege weiß man um was es geht.

Bei diesem Team war ich seit 1987 mit dabei. Die Ausbildungen dazu sind auf einem sehr hohen Niveau, im niederschwelligen Bereich. Wir haben viele psychologische Schulungen bekommen, und das hat mich aufgrund meiner sozialen Einstellung einerseits, und mit der Ausbildung andererseits geprägt. 1987 bis 2017, das sind 30 Jahre, und die spielen auch bis heute bei mir in den Umgang mit Menschen mit hinein.

Sie können gut mit Menschen, auch als Politiker und Bürgermeister. Was ist für sie die große Herausforderung in ihrem Amt?

Das Bürgermeisteramt ist letztendlich ein Beruf. Ich sehe es als eine Ehre für die Gemeinde zu arbeiten. Wir haben ca. 3.600 Einwohner, und ich sehe es als klaren Auftrag der Bürgerinnen und Bürgern, dass ich die Gemeinde nach außen möglichst gut vertrete. Das ist mein Zugang.

Wenn die Leute zu mir kommen, weil sie ein Problem haben oder weil sie etwas brauchen, dann möchte ich das so gut wie möglich erfüllen. Doch man kann Wünsche nicht immer erfüllen, und es gibt immer wieder Situationen, in denen du als Bürgermeister den „Bösen“ spielen musst. Im Sinne dessen, dass man rechtliche Situationen auch umsetzen muss. Wenn heute jemand irgendetwas illegal baut oder umbaut, zum Beispiel ohne einer Baugenehmigung im Grünland, dann muss ich eine Anzeige machen. Das sind dann die unangenehmen Geschichten, aber das gehört halt auch dazu. Das Schlimme dabei ist, wenn der derjenige, den man dann gezwungenermaßen anzeigen muss, nicht einsieht, dass er einen Fehler gemacht hat, sondern dann der Bürgermeister der Böse ist.

Was gefällt ihnen am Bürgermeisterberuf am besten und was am wenigsten?

Das Schöne dabei ist, und das würde ich ganz dick unterstreichen, dass du als Bürgermeister in der Gemeinde direkt etwas bewegen kannst. Wenn man mit offenen Augen durch die Gemeine geht, auf die Wünsche der Bevölkerung hört, und diese mitnimmt, dann kann man aktiv etwas bewegen. Das geht. Schön ist auch, dass man direkt am Bürger ist. Bei mir werden sie nicht finden: „Sprechstunde, Montag, Mittwoch von bis“, oder „nach telefonischer Vereinbarung“. Ich gehe in der Früh in Amt und am Abend nach Hause, und wenn ich da bin und jemand kommt, dann kann er einfach reinkommen. Das wissen die Leute in Schwarzach. Die müssen nicht anrufen, ob sie einen Termin haben können. So handhabe ich das, ganz unbürokratisch.

Was mich ein bisschen ärgert hat nicht unbedingt mit dem Bürgermeisteramt selbst zu tun. Vielmehr ist es eine politische Geschichte. Wenn man als Bürgermeister auch einmal eine Meinung zu einem Landes- oder Bundesthema hat, wird das von den Medien nicht gehört. Laut Medien darf man nur eine Meinung zu Gemeindethemen haben. Zum Beispiel das Thema „Stauhauptstadt Salzburg“. Die Stadt Salzburg kann für den Stau in der Stadt selbst gar nichts. Das sind Pendler von anderen Gemeinden. Doch es interessiert die Leute nicht, was die Bürgermeister dazu sagen. Damit meine ich gar nicht die Farbpolitik, denn da ist es egal ob ein Bürgermeister ein Roter, oder ein Schwarzer ist. (Wir haben im Pongau nur die beiden Farben.) Für den Pendlerverkehr kann die Stadt Salzburg gar nichts. Vielmehr ist die Zusammenarbeit mit den anderen Umlandgemeinden über das Land bezüglich des öffentlichen Verkehrs nicht korrekt gelaufen.

Mich ärgert es, dass Bürgermeister immer nur um Themen der Gemeinde gefragt werden. Es gibt ganz selten die Situation, dass man Bürgermeister von kleinen Landgemeinden zur allgemeinen fachpolitischen Themen des Landes befragt. Ob das jetzt Verkehr oder Gesundheit ist Wir haben auch dazu eine Meinung.

Sie waren auch zwei Jahre im Landtag. Sie müssen eine Meinung zur Landespolitik haben.

Ich war zwei Jahre lang im Landtag, das ist richtig. Eine Meinung zur Landespolitik hat jeder Bürgermeister. Aber die wird nicht abgefragt. Wenn in der Gemeinde eine Straße saniert wird, dann steht es in der Zeitung drinnen. Wenn der Bürgermeister sagt, dass es zu wenig Geld für den öffentlichen Verkehr gibt, dann heißt es, das ist ein Landesthema. Es sind aber meine Bürger, die mit den Autos fahren, weil sie keinen Zug oder Bus haben.

Als Medienvertreter habe ich hiermit die Kritik zur Kenntnis genommen.

Ich meine ja nicht euch, sondern die klassischen Tagesmedien und Wochenzeitungen.

Sie haben auch bei der Fußballeuropameisterschaft der Bürgermeister mitgespielt. Welche Position hatten Sie dabei? Bietet sich für einen Fahrdienstleiter nicht auch der Spielmacher an?

Das war 2008. Das ist ja ewig her. (lacht) Ich war kein klassischer Spielmacher. Ich habe zwar immer im Mittelfeld gespielt, aber das hat damit zu tun, dass ich in meiner sportlichen Laufbahn immer extrem gerne und extrem viel gelaufen bin.

Sogar Marathon, richtig?

Auch Marathons. Sport hat mich mein Leben lang begleitet, und tut es auch jetzt noch. Damals, in der Fußballmannschaft der Bürgermeister war ich 42 Jahre alt und damit bei den jüngsten. Diejenigen, die 55 oder 60 Jahre alt waren, haben eher Positionen gespielt, auf denen sie nicht so viel laufen mussten.

Der Mensch hinter dem Bürgermeister

Mein Lebensmotto

Wir haben die Welt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich …

… mir wünschen, dass die Menschen nicht immer das Eigene in den Vordergrund stellen, sondern das Gemeinsame.

Wovor haben sie Angst?

Ich habe keine Angst.

Das will ich unbedingt noch erleben:

Viele, viele glückliche Jahre mit meiner Frau

Was bringt sie aus dem Gleichgewicht?

Inkonsequenz und Unehrlichkeit

Beschreiben Sie sich selbst möglichst kurz.

gerecht und kommunikativ

 

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