Für ein schöneres Grün sind manchmal harte Einschnitte nötig. Foto: Shutterstock/Inna G


26. Januar 2018 | Von: Andreas Hussak

Gemeindeaufgabe

Grünraumpflege und Baummanagement

Das Umarmen von Bäumen reicht für eine qualitätsvolle Pflege und Entwicklung des Grünraums einer Gemeinde natürlich nicht aus. Bisweilen sind dafür auch durchaus radikale Maßnahmen notwendig.

Fassungslos steht die kleinen Hannah auf der Straße und Tränen schießen der Fünfjährigen in die Augen. Die mächtigen Kastanienbäume, die ihren Kindergartenweg säumten sind plötzlich allesamt verschwunden. Woher wird sie nun bloß die schönen, angenehm glatten Kastanien herbekommen, aus denen sie mit Zahnstochern Tiere und Menschen basteln kann?

Dass die Bäume krank waren und gefällt werden mussten, weiß Hannah nicht. Genausowenig, wie dass auch keine neuen Kastanien mehr nachkommen werden. Die Baustelle im Sommer hat ihren fein verzweigeten Wurzelwerken den Todesstoß versetzt. Geschwächt waren sie schon zuvor. So wie viele Straßenbäume im verbauten Ortsgebiet.

Bäume stehen permanent unter Stress

Straßenbäume im Ortsgebiet haben ein Problem. Eigentlich haben sie mehrere, doch das folgenreichste ist der permanente Stress.

Es ist nicht neu, dass die Salz- und Solestreuung den Bäumen die Winterruhe regelrecht versalzt. Die deshalb dringend notwendige Regenerationsperiode fällt jedoch gegenwärtig immer öfter ebenfalls weg. Grund dafür ist der hinzukommende Sommerstress. Hitzeperioden und Trockenheit zehren nicht minder an den Kräften der Bäume.

Eine Untersuchung von Bettina Kos an der Wiener BOKU zu Straßenbäumen stellt fest, dass sich aufgrund der stetig zunehmenden Veränderungen des Klimawandels die Ansprüche und Bedürfnisse insbesondere von Straßenbäumen ebenfalls ändern.

Geringere Lebenserwartung von Straßenbäumen

Meist sind es Laubbäume, die österreichs Straßen säumen und das Ortsbild mitprägen. Sie gleichen den CO2-Ausstoß aus, reduzieren den Feinstaub, produzieren Sauerstoff und reduzieren als Schattenspender das Aufheizen der Umgebung. Vorausgesetzt, sie sind gesund, und das ist alles andere als leicht.

Die Gruben, in die sie gesetzt werden, schränken das Wurzelwachstum nur allzuoft ein. Wegen verdichteten Bodens erhalten sie häufig zu wenig Sauerstoff und Wasser. Ist der Boden versiegelt, findet nicht einmal mehr einen Gasaustausch statt. Hinzu kommen die immer wärmeren und trockeneren Sommer.

Aufgeheizter Asphalt und Gebäude belasten die Bäume zusätzlich und die Zunahme von Wetterextremen bringt sie an ihre Belastungsgrenze. Vor Schädlingen und Krankheiten sind auch Straßenbäume nicht mehr gefeit als ihre glücklicheren Kollegen im Wald. Die Folge ist eine drastisch verringerte Lebenserwartung.

Rückschnitt kann kontraproduktiv sein

Was sollte man tun, wenn man merkt, dass die dem baldigen Tod geweihten Bäume ihre Vitalität verlieren? Zahlt es sich aus, sie am Leben zu halten?

„Wenn ein Baum schon Vitalitätsprobleme hat, ist ein Rückschnitt ins lebende Holz kontraproduktiv, weil man ihm Blattmasse nimmt, die er für die Photosynthese benötigt“, weiß der Experte für Baum- und Naturraummanagement, Konstantin Greipl. Je nach Ursache muss man unterschiedlich handeln. Streusalz und Sommertrockenheit sind die größten Probleme.

Beim Salzen sind übrigens nicht die Straßendienste die vorrangigen Schädiger. Konzentration und Ausbringung sind hier in der Regel professionell optimiert. Die größten Salzer sind die privaten Steuer, die die Wege vor ihren Häusern mit wenig Aufwand möglichst einfach eis- und schneefrei halten wollen. Dabei scheint das Prinzip „Viel hilft viel“ vorzuherrschen. Die Belastungen durch Streusalz sind hoch und nehmen aus Haftungsgründen weiterhin zu.

Bodenverbesserungsmaßnahmen

Greipl empfiehlt, nach Möglichkeit Bodenverbesserungsmaßnahmen vorzunehmen, den Baum gut zu wässern und darauf zu achten, dass sein Nährstoffhaushalt passt. Ein Fällen der belasteten Bäume kann also nicht unbedingt und unmittelbar notwendig sein. Die Straßenbaum-Studie, die sich in weiten Teilen der Frage widmet, durch welche Baumsubstrate man den Bäumen bestmögliche Bedingungen bieten kann, kommt zu dem Schluss, dass selbst bei gesteigerter Regenwasserzufuhr das beste Substrat alleine noch keine ausreichende Lösung ist. Es kommt auf die richtige Kombination von Straßenbaum und Baumsubstrat an.

Ist ein Baum zu ersetzen oder neu zu pflanzen, ist eine gute Planung das A und O. Man sollte sich vorab im Klaren sein, welche Funktion der Baum haben soll. Ist er Schattenspender, ein ästhetisches Gestaltungsmittel des öffentlichen Raumes, oder etwas anderes? Wie groß soll er werden, und wieviel Platz wird er zur Verfügung haben?

Platanen und Kastanienbäume brauchen Raum

Oft werden Platanen oder Rosskastanien gepflanzt, obwohl nur wenig Platz vorhanden ist, dabei benötigen diese Arten einen großen Wurzelraum. Künftige Probleme sind somit programmiert.

Entlang von Straßen spielt auch das Lichtraumprofil eine große Rolle. Bei Fahrbahnen beträgt es zumindest eine Höhe von 4,50 Meter, entlang von gehwegen 2,20 Meter.

Manche Baumarten werden nicht besonders groß und und besitzten einen niedrigen Kronenansatz. Sie müssen aufgeastet werden. Das heißt, man muss die Äste abschneiden. Bei Jungbäumen kann das nicht auf einmal geschehen, sondern muss sukzessive gemacht werden. Das erfordert viel Aufwand.

Weiden und Pappeln neigen zu Grünastbruch

Weiden und ganz besonders bestimmte Pappelarten neigen zu Grünastbruch. Das bedeutet, dass selbst bei nahezu Windstille Äste aus der Krone ausbrechen können. Um daraus kein Verkehrsrisiko enstehen zu lassen, brauchen auch diese Baumarten eine erhöhte Pflege. Insbesondere in Wohngebieten sind mögliche Allergieauslöser zu vermeiden. Um zu verhindern, dass Jungpflanzen ausfallen, empfiehlt Greipl vor allem an Extremstandorten eine Entnahme von Bodenproben, bevor man ein größeres Pflanzkonzept verwirklicht: „Bisher hat man sich viel zu wenig mit der Ertragsgrundlage beschäftigt. Die chemischen Bodenanalysen verraten, welche Probleme am jeweiligen Standort zu erwarten sind und welche Baumart verhältnismäßig am besten gedeihen kann.“

Richtige Baumart wählen

Kennt man die Gegebenheiten und ist sich im Klaren, welche Aufgaben der Baum erfüllen soll, stellt sich die Frage nach der Wahl der richtigen Baumart. Ein hervorragendes Tool zur Beantwortung dieser Frage stellt die Planungsdatenbank für Gehölze in urbanen Räumen dar. Sie wird vom Forschungsprojekt „citree“ der TU Dresden online zur Verfügung gestellt. Die Internetseite bietet eine umfassende Suchfunktion, unterteilt einerseits nach Standortarten, wie dicht bebauten Gebieten, Verkehrsflächen, Parks, Gewerbegebieten etc. und andererseits nach baumbezogenen Eigenschaften. Durch Filtern nach Klima- und Bodenbedingungen, natürlicher Verbreitung, Pflegeaufwand, Erscheinungsbild, Gefährdungen, Beeinträchtigungen oder den Zusatznutzen für das Ökosystem, spuckt einem die Suchmaschine eine reichhaltige Auswahl an empfohlenen Arten aus. Die Datenbank ist frei zugänglich und kostenlos nutzbar.

Linden sind die beliebtesten Straßenbäume

Ahorne knapp gefolgt von Linden sind derzeit in unseren Breiten die meistvorkommenden Straßenbaumarten. Zu diesem Schluss kommt die Untersuchung von Bettina Kos durch Befragen von zehn Experten aus Deutschland und Österreich – von Baumproduzenten, über Baumschul- und Magistratsmitarbeitern, bis hin zu Wissenschaftern und Forschern.

Auf den weiteren Plätzen folgen Rosskastanien, Eichen und Platanen. Die Gründe, weshalb gerade diese Baumarten so stark vertreten sind, liegen in der jahrzehntelangen Erfahrung mit ihnen und somit auch ein Stück weit in der Tradition. Auch sind sie leicht zu produzieren und besitzten einen dementsprechend niedrigen Preis. Ein neuer Baum kostet ungefähr zwischen 300 und 800 Euro, abhängig davon, wie groß er ist, wie alt, wie oft er verschult wurde und zu welcher Art er gehört. Wenn auch von Fall zu Fall individuell zu beurteilen ist, merken die Experten doch an, dass viele Straßenbaumarten nicht zukunftsfähig sind. Die verwendeten Straßenbaumgattungen befinden sich gegenwärtig in einer Umbruchsphase.

Zukunftsbaum Feldahorn

In Österreichs Gemeinden findet derzeit ein großes „Bäumchen wechsel dich“ statt. Welchen Arten gehört dabei die Zukunft?

Verschiedene Stellen und Dienstleister haben Straßenbaumlisten erstellt, in denen jene Arten empfohlen werden, die am robustesten sind. Nach Berücksichtigung weiterer Faktoren wie Pflegeaufwand oder Kosten bleibt eine überschaubare Anzahl von Bäumen übrig. So kann man die Wiener Straßenbaumliste letztendlich auf 19 Arten reduzieren.

Hält man sich allerdings streng daran, birgt es wiederum die Risiken, die eine geringe Diversiät mit sich bringt: Stichwort Eschensterben oder Miniermotte. Greipl nennt als Beispiel für Arten, die Zukunft haben, den Feldahorn. Er ist eine heimische Baumart, sehr robust, nicht zu groß, relativ streusalztolerant, hat keinen besonders hohen Pflegebedarf und er kann recht alt werden. Müssen sie sehr hohe Salzbelastungen ertragen, sind Eichen oder Robinien die richtigen.

Doch grundsätzlich geht der Trend vor allem zu Arten, die Trockenheit und Hitze gut vertragen. In dieser Hinsicht gilt der Ginko als Hoffnungsträger. Er gehört zwar nicht zu den großen Schattenspendern und benötigt aufgrund seiner Kronenstruktur eine gewisse Entwicklungspflege in seiner Jugend, gilt aber als äußerst robust.

Standardwerkzeug Handsägen

Ist die richtige Baumart gefunden, bedarf es nur noch einer sachkundigen Pflege. „Das Standardwerkzeug sind scharfe Handsägen“, weiß Greipl. Für Lichtraumprofilschnitte verwendet man Stangensägen. Üblicherweise sind in der Baumpflege keine motorbetriebenen Geräte gebräuchlich. Nur beim Ausschnitt von Totholz oder Kroneneinkürzungen kommen Einhandmotorsägen oder Akku-Sägen zum Einsatz. Wenn man die Art auf das Umfeld abstimmt und sie gut pflegt, gibt es unglaublich viele Baumarten, die empfohlen werden können – vertraute Bekannte ebenso wie (noch) seltene Exoten.

Der kleinen Hannah hilft diese Erkenntnis nichts. Sie trauert nach wie vor um ihre Kastanienbäume, und das wird wohl noch eine Weile anhalten. Doch das Leben geht weiter und in ein paar Jahren führt ihr Schulweg Hannah vielleicht schon durch eine neue, dann von Ginkos gesäumte Allee.

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