Statt der Zuspitzung „Sonderschule beibehalten oder abschaffen?“ gilt es, sich verstärkt auf die pädagogische Qualität zu konzentrieren. Foto: Shutterstock/Denis Kuvaev


19. September 2017 | Von: Rüdiger Teutsch

Bildung

Gemeinsam lernen – Gemeinschaft stärken

Die Diskussion um die Zukunft der Sonderschule sowie die Inklusion von behinderten Kindern in der Regelschule verläuft – wie derzeit unter den niederösterreichischen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern - nur scheinbar kontroversiell. Denn bei genauerem Hinsehen finden sich viele Übereinstimmungen zwischen Befürwortern und Gegnern. In der Praxis geht es um die beste pädagogische Qualität für alle – und dazu gehört natürlich auch das soziale Miteinander. Davon profitieren behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler im selben Ausmaß.

2008 hat sich der Nationalrat einstimmig zur Weiterentwicklung der inklusiven Bildung verpflichtet und eine entsprechende UN-Konvention unterzeichnet. Das spiegelt sich seither in Regierungsprogrammen und auch im Nationalen Aktionsplan (NAP Behinderung 2012-2020) wider.

Im Nationalen Aktionsplan wurde auch die Einrichtung inklusiver Modellregionen als gemeinsames Projekt von Bund, Ländern und Gemeinden vereinbart. Derzeit werden diese in der Steiermark, in Kärnten und in Tirol mit wissenschaftlicher Begleitung eingerichtet. Ziel ist der Abbau von Bildungsbarrieren und somit die Erhöhung der Chancengerechtigkeit. Konkret bedeutet dies, die sonderpädagogischen Fördermaßnahmen (und damit die Lehrkräfte mit sonderpädagogischer Kompetenz) schrittweise von Sonderschulen in Regelschulen überzuführen. Damit wird die Segregation von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf verringert und mehr Miteinander im Unterricht, in der Pause oder auch in der Freizeit möglich und die Vielfalt der Schülerinnen und Schüler insgesamt stärker berücksichtigt. Jedes Kind wird in den Mittelpunkt gestellt.

Die sonderpädagogische Förderung bleibt zu 100 Prozent erhalten

Die in der Öffentlichkeit oft gestellte Frage „Sonderschule – ja oder nein?“ legt irrtümlicherweise nahe, dass die sonderpädagogische Förderung generell abgeschafft bzw. eingespart werden könnte. Doch diese Sorge ist unberechtigt. Mehr als 20 Jahre Unterricht in erfolgreichen Integrationsklassen in ganz Österreich zeigen: Die sonderpädagogische Förderung kann in vielfachen Formen des inklusiven Unterrichts maßgeschneidert und flexibel angeboten werden. Weder der Lernerfolg der behinderten noch der Lernerfolg der nicht beeinträchtigten Schülerinnen und Schülern wird dadurch geringer.

Schon heute gibt es Integrationsquoten von mehr als 80 Prozent

Die Weiterentwicklung der inklusiven Bildung muss an den konkreten Ausgangssituationen in den Bundesländern anschließen. Diese sind österreichweit sehr unterschiedlich. Schon heute werden in einigen Bundesländern mehr als 80 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf nicht mehr an Sonderschulen unterrichtet. Sie sind Teil einer inklusiven Lerngemeinschaft geworden, in der die soziale Teilhabe – unabhängig von der Art der Behinderung, Herkunft, sozialem Status oder Familiensprache – als konkretes Bildungsziel ernst genommen wird. Die Schule leistet so auch einen grundlegenden Beitrag für das Leben in der Gemeinschaft im Ort und trägt zu einer vielfältigen, offenen und modernen Gesellschaft bei.

Wahlfreiheit auch an Regelschulen

In einer aktuellen Diskussion wird häufig angesprochen, wie wichtig das Wahlrecht der Eltern zwischen Sonderschule und Integration ist (abgesehen davon, dass die UNESCO Inklusion als Kinderrecht definiert). Behindertenverbände, Elternvertreter/innen, und Expert/innen weisen jedoch seit längerem darauf hin, dass in der Praxis – vor allem für Eltern von Kindern mit hohem Betreuungs- und Assistenzbedarf – ein österreichweites Wahlrecht nie verwirklicht werden konnte.

Denn zumeist können momentan – auch aus Kostengründen – umfangreiche Betreuungspakete nur an Sonderschulen, nicht aber an Regelschulen angeboten werden – womit de facto keine freie Wahl der Schulart möglich ist. Die Lösung liegt jedoch auf der Hand: eine Öffnung der Sonderschulen, ein Bereitstellen von sonderpädagogischer Förderung in inklusiver Form in Regelschulen, garantiert weiterhin die optimale Unterstützung wie Kleingruppenförderung, Nachmittagsbetreuung und Therapie für alle Kinder, die Recht und Anspruch darauf haben.

Positive Langzeitwirkungen

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sorgfältig geplanter und durchgeführter gemeinsamer Unterricht nicht nur ein hohes Förderpotenzial für Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen hat, sondern die Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht insgesamt unterstützt. Besonders positiv entwickeln sich bei dieser Kultur des Lehrens und Lernens in Schulen mit Integrationsklassen die engere Kooperation, höhere Förderorientierung, bewusstere Gestaltung der Lernumwelten, mehr kooperative Lernformen und weniger sozialnormbezogene Leistungsbeurteilung.

Kaum ein anderer Bildungsbereich ist in den letzten Jahren so gut beforscht worden wie der Bereich der schulischen Integration – oft in der Hoffnung, Belege dafür zu finden, dass nicht behinderte Kinder dadurch unterfordert und Kinder mit Behinderungen überfordert würden. Nichts davon konnte belegt werden, ganz im Gegenteil: die positiven Langzeitwirkungen schulischer Integration für den Lernerfolg, die Gesundheit, das Wohlbefinden und die soziale und berufliche Situation als Erwachsener sind wissenschaftlich bewiesen.

Inklusion ist kein Sparpaket – kein Euro geht verloren

Die Forderung nach dem Elternwahlrecht und damit nach einem Parallelsystem „Inklusion –Sonderschulen“ sieht auf den ersten Blick vernünftig aus, solange man die Kostenfrage für die weitere Entwicklung außer Acht lässt. Doch ein gleichwertiges Angebot an Sonderschulen und an Regelschulen wäre sehr teuer und in der Praxis nicht finanzierbar.

Die Beispiele der inklusiven Modellregionen Kärnten, Steiermark und Tirol zeigen auch, dass bei einer Neuverteilung der Mittel wesentlich bessere – weil kindgerechte, wohnortnahe, pädagogisch wertvolle und pflegerisch umfassende – Angebote bereitgestellt werden können. Inklusion ist also weder ein Sparmodell noch unfinanzierbar – das Geld ist im System vorhanden, es braucht aber die Bereitschaft zur Umschichtung.

Worauf es wirklich ankommt

Statt der Zuspitzung „Sonderschule beibehalten oder abschaffen?“ gilt es, sich verstärkt auf die pädagogische Qualität zu konzentrieren. Die Praxis der Inklusion kennt dafür viele Varianten – vom gemeinsamen Unterricht für alle bis zur Arbeit in kleinen Gruppen, von maßgeschneiderter Unterstützung beim Erlernen der Unterrichtssprache bis hin zu Phasen der Eins-zu-eins-Betreuung durch speziell ausgebildetes Personal.

Erklärtes Ziel ist es, dass die Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität der Inklusion auch in Österreich dazu führen wird, dass Sonderschulen schließlich nicht mehr gebraucht werden – so wie das etwa in Südtirol seit vielen Jahren der Fall ist.

1 Kommentare für Gemeinsam lernen – Gemeinschaft stärken

  1. Warum sind wohl die umfangreichen Betreuungsangebote nur an Sonderschulen zu finden? – Weil es eben die kostengünstigste Variante ist.
    Beispiel: Eine Sonderschule mit 12 Kindern, 3 ausgebildeten Sonderpädagoginnen, die zusammen auf 66 Wochenstunden kommen. Schließt man die Sonderschule und teilt die Kinder auf 10 VS/NMS Klassen auf, so hat jedes Kinder nur mehr 6-7 Stunden Betreuung durch einen Sonderschullehrer. Die restlichen über 20 Wochenstunden ist die jeweilige Klassenlehrerin allein für dieses Kind und die bis zu 24 Mitschüler verantwortlich. Die pädagogische Situation hat sich also für jedes vormalige Sonderschulkind verschlechtert, ohne dass ein einziges bereits in Inklusion befindliches Kind einen Vorteil hätte. Dafür müsste man den ehem. Sonderschülern einige Sonderschullehrerstunden wegnehmen.
    In dieser Sonderschule gibt es für 12 Kinder EINEN gut ausgestatteten Therapieraum, EINE behindertengerechte Toilettanlage (Dusche, Wickeltisch,…), EINEN Lift, EIN Set an Förder- und Therapiematerial, EINE Schullizenz pro Lernsoftware. Nach einer Auflösung der Sonderschule braucht es diese Dinge in mehrfacher Ausführung. Genauso steigt die Anzahl der notwendigen Assistenzstunden, da manche Kinder eine sehr persönliche Betreuung brauchen, die in großen Klassen anders nicht möglich ist. Und in manchen Fällen wird es notwendig sein, zusätzliche Klassenteilungen durchzuführen. Ein schwerstbehindertes Kinder in einer Klasse mit 24 Mitschülern kann wohl nicht als geglückte Inklusion bezeichnet werden.
    Die Behauptung, eine Auflösung der Sonderschulen würde genügend Ressourcen für eine gelungene Inklusion bereitstellen, ist meiner Meinung nach ein Irrglaube, zumal anscheinend niemand Zahlen vorlegen kann, die diese Behauptung belegen. Ebenso wenig begründet ist die Behautung, das Parallelsystem sei zu teuer und nicht finanzierbar
    Es gibt auch nicht wenige Eltern, die die Erfahrung gemacht haben, dass es ihrem Kind in der Sonderschule besser gegangen ist, als in der Inklusion. Daher ist es durchaus sinnvoll, die Wahlmöglichkeit für die Eltern weiter zu erhalten.

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