19. April 2017 | Von: Helmut Reindl

Meinung

Es geht um Vernachlässigung

Trump und Erdoğan – beide erhielten ihre Stimmen vor allem im ländlichen Raum. In den USA waren es die ruralen Gebiete und die verfallenden früheren Industriegebiete des Rust Belts, in denen der als Außenseiter gestartete Donald Trump seinen Sieg holte. Und für Recep Tayyip Erdoğans Verfassungsänderung stimmte man vor allem in den mäßig entwickelten Gebieten Anatoliens, während die großen Städte Istanbul, Ankara und Izmir ein klares Nein zur Ausweitung der präsidentialen Machtbefugnisse sagte.

Auch der Brexit wurde in den ländlichen Regionen Englands besiegelt, während sich die Metropole London klar für einen Verbleib in der EU aussprach. Und in Österreich entschieden sich die Wählerinnen und (vor allem) Wähler auf dem Land für einen Bundespräsidenten Norbert Hofer. Der nunmehrige Amtsinhaber Alexander Van der Bellen gewann die Wahl in den großen Städten.

Zuletzt zeigte sich auch beim ersten Durchgang der französischen Präsidentschaftswahl ein sehr unterschiedliches Wahlverhalten von Stadt und Land. So gewann die Rechts-Kandidatin Marine Le Pen vor allem in den früheren Industrieregionen des Nordens sowie im strukturschwachen Süden, während sie in Paris nicht einmal fünf Prozent der Stimmen errang.

Für manchen Kommentator ist damit alles klar: Die Landbevölkerung ist einfach autoritätshöriger und anfälliger für Führergestalten. Die g’scheiten Städter wählen g’scheit, die depperten Landleut‘ wählen deppert. Als Grund dafür wird je nach Fasson das Bestehen feudalistischer Strukturen, der Einfluss der Kirche oder schlicht mangelnde Bildung ausgemacht, denn die gut gebildeten und damit kritischen Menschen seien ja bereits in die Städte abgewandert, wird argumentiert.

Folgt man dieser Meinung, müsste demnach künftig überall liberale Politik die Mehrheit bekommen, denn die Landflucht ist nun mal Realität. Während die Städte boomen, wissen viele Dörfer nicht mehr, wie sie ihre Infrastruktur erhalten sollen.

Aber wird man mit einem Umzug in die Stadt wirklich automatisch weltoffen und skeptisch gegenüber simplen Lösungsansätzen?

Wenn man so manche haarsträubende Wortmeldung – etwa zur Flüchtlingsfrage – an einem beliebigen Stammtisch in einem Dorfwirtshaus hört, ist man vielleicht geneigt, wirklich zu glauben, dass Stadtluft nicht nur – wie es im Mittelalter hieß – frei macht, sondern auch das Denken befreit. Wenn man dann aber ebenso haarsträubendes Geschimpfe in Wiener Beisln oder ausländerfeindliche Beflegelungen in öffentlichen Verkehrsmitteln der Bundeshauptstadt mitbekommt, dann kommt man schnell zu der Einsicht, dass Vernunft und Haltung nicht an der Frage „Stadt oder Land“ festzumachen sind.

Letztlich geht es immer um Ängste – egal ob das die Angst vor Veränderung, vor Fremden, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder vor dem Verlust altbekannter Sicherheiten und Strukturen geht. Und Ängste lassen sich nicht am Wohnort festmachen. Wenn man sich Detailergebnisse etwa der letzten Wahlgänge in Wien ansieht, dann erkennt man auch klar, dass dort, wo sich Menschen mit Veränderungen überfordert sehen, eher rechts gewählt wird – beispielweise in den großen Gemeindebauten, wo sich viele Menschen von der Politik vernachlässigt fühlen.

Und um Vernachlässigung geht es auch im ländlichen Raum. In Regionen, die jahrzehntelang systematisch ausgehungert wurden, aus denen Betriebe abgesiedelt sind und wo Postamt, Nahversorger und Polizei verschwunden sind, sehnt man sich nach jemanden, der neue Hoffnung gibt. Dass diejenigen, die die einfachen Lösungen für Probleme versprechen, meist auch nicht die Heilsbringer sind, als die sie sich verkaufen, steht auf einem anderen Blatt. Aber sie verstehen es, zumindest kurzfristig eine Perspektive zu bieten.

Hier ist die traditionelle Politik gefordert. Statt zu streiten sollte man gemeinsam langfristig tragfähige Lösungen anbieten. Der Masterplan für den ländlichen Raum, der derzeit erarbeitet wird, kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. Weitere müssen folgen.

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