Rund 200 Teilnehmer und Teilnehmerinnen diskutierten Mitte Oktober mit Praktikern, Theoretikern und Betroffenen über viele Impulse, einer Fülle an neuen Projektideen und warfen auch brisante Fragen auf. Foto: Roland Gruber


30. November 2017

Ländlicher Raum

Der vergessene Zukunftsraum Land

Leerstand in der Landwirtschaft ist ein sehr aktuelles und emotionsgeladenes Thema. Dies wurde bei der 6. Leerstandskonferenz, die Mitte Oktober in der Osttiroler Gemeinde Innervillgraten stattfand, schnell klar.

Leerstand in der Landwirtschaft: Es stecken jahrhundertelange und ganz persönliche Geschichten dahinter. Veränderungsprozesse in die Köpfe und in die Gänge zu bringen, benötigt neue Formen der Vermittlung.

Die rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Österreich, Deutschland und Südtirol, die sich für Strategien gegen Leerstand, für Umnutzung und Nachverdichtung interessieren oder selbst Betroffene als „Leerstandsbesitzer“ sind, hörten sich drei Tage lang Vorträge von mehr als 30 Referentinnen und Referenten an, nahmen an Diskussionen und Workshops teil und tauchten intensiv in das Thema ein, tauschten sich mit Praktikern und Theoretikern aus und nahmen schließlich viele motivierende Lösungsansätze mit nach Hause.

Pro Tag sechs Bauernhöfe weniger

Dabei ist die Ausgangssituation alles andere als optimal. In Europa schließen jährlich rund 350.000 Bauernhöfe, so Robert Schabus, mit dessen Film „Bauer unser“ die heurige Leerstandskonferenz eröffnet wurde.

Gerlind Weber, Professorin für Raumplanung, erklärte, dass pro Tag sechs Bauernhöfe in Österreich ihre Nutzung verlieren. Das hänge auch stark mit dem Missverhältnis Erzeugniskosten und Platzbedarf für Lebensmittel und Ausgabeverhalten der Haushalte für Lebensmittel zusammen.

Individualtourismus als Chance

Österreich ist ein erfolgreiches Tourismusland. Dessen sollte sich die Landwirtschaft künftig verstärkt bewusst werden und ihren Nutzen daraus ziehen.

Der Zukunftsforscher Peter Zellmann stellte die These in den Raum, dass Tourismus einer zukünftigen Landwirtschaft eine optimale Grundlage der Weiterentwicklung liefere. Wie können sich in den unterschiedlichen Regionen einzelne Betriebe an den Tourismus anhängen, von ihm lernen und die eigene betriebswirtschaftliche Existenz verschränkt zwischen Landwirtschaft und Tourismus entwickeln? Das Bewusstsein für diese neue Kooperation sei latent vorhanden, es wurde aber noch in keiner Region von den verantwortlichen Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen aufgenommen und mit den Menschen konsequent weiterentwickelt. Dieses Potenzial beinhalte laut Zellmann eine hohe Anzahl an neuen Arbeitsplätzen.

Aber es brauche auch neue Schnittstellenpersonen, was Service und Dienstleistung „ab Hof“ betreffe. Das wird auch in Innervillgraten bereits gelebt. „Wir Bauern leisten einen wichtigen Beitrag, damit gestresste Menschen gut Urlaub machen können“, so der Innervillgrater Bürgermeister und Landwirt Josef Lusser.

„Haben vergessen, das Land in der Entwicklung mitzudenken“

Weil sich viele landwirtschaftliche Ensembles im ländlich geprägten Raum befinden, bot dessen Zukunft logischerweise das Metathema aller Beiträge zur Leerstandskonferenz 2017.

Kerstin Schulz, Professorin in Darmstadt und selbst begeisterte Landbewohnerin, ging sehr kritisch damit um. „Wir haben vergessen, das Land in der Entwicklung mitzudenken. Die Stadt hat gelernt, das Land hat verlernt. Ein Umdenken ist notwendig“, so Schultz, die selbst in einem Dorf im Odenwald wohnt und arbeitet.

Das Land sei urbaner geworden als die Stadt, wenn das Schaffen von Parkplätzen im Vordergrund stehe. Gleichzeitig gebe es die Verdörflichung der Städte – sie werden immer grüner, messbar ökologischer, Parkplätze und Straßen werden rückgebaut.

„Wir brauchen ein radikales Neudenken, das Land muss einfach wieder ein Thema in der Entwicklung werden! Ich lebe in der prosperierenden Metropolregion rund um Frankfurt und Darmstadt. In den Städten ist alles knackevoll und der Odenwald, wo ich lebe, ist komplett leer. Die Vorteile im regionalen Zusammenhang werden einfach nicht gesehen. Wir müssen einen gänzlich unvoreingenommenen Blick auf das Land wagen, um aus der Identitätskrise des ländlichen Raums herauszufinden“, so Schultz.

Die Vermehrung von Energieproduktionsstätten für erneuerbare Energien verdeutlichten die Kluft zwischen dem einstigen Sehnsuchts- und Rückzugsort Land und der urbanisierten, technisch hochgerüsteten Realität.

www.leerstandskonferenz.at

Auch Exkursionen zu Objekten standen auf dem Programm der Leerstandskonferenz. Foto: Johannes Puch

Auch Exkursionen zu Objekten standen auf dem Programm der Leerstandskonferenz. Foto: Johannes Puch

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.